Untersuchung nach Brand in Londoner Grenfell Tower: wenn es nachher alle besser wissen

Das verheerende Feuer im Londoner Grenfell Tower wird vor allem in den Köpfen der Londoner Feuerwehr noch lange Zeit präsent sein. Am 14. Juni 2017 bereitete sich ein Zimmerbrand, wir er häufig vorkommt, auf das gesamte Hochhaus aus. Das Gebäude brannte nahezu vollständig aus. 72 Menschen starben dabei.

Fordernder Einsatz für die Londoner Feuerwehr

Ursächlich für das Feuer war ein defekter Kühlschrank. Die Flammen breiteten sich schnell in dem 24-stöckigen Hochhaus aus. Die Londoner Fire Brigade wurde zu einem sehr anspruchsvollen Einsatz alarmiert. Vor allem an der Außenfassade des Gebäudes hatte sich der Brand auf fast alle Geschosse ausgebreitet. Riesige Flammen schlugen in den Nachthimmel, viele Bewohner wurden im Schlaf überrascht.

Brennbare Verkleidung Hauptgrund für schnelle Brandausbreitung

Nicht nur in London, sondern weltweit sorgte die schnelle Brandausbreitung über die Außenfassade für Verunsicherung. Viele Brandschutzexperten hatten schon länger auf die mögliche Gefahr durch einzelne Isolierungsmaterialien hingewiesen. Doch letztlich war eine solche Katastrophe für viele überraschend.

In der Folge wurden viele Hochhäuser in Deutschland überprüft. Aufgrund mangelhafter Brandschutzausführungen wurden sogar einzelne Nutzungsuntersagungen ausgesprochen.

Untersuchungsbericht offenbart Fehler im Einsatzablauf

In den Wochen nach der Katastrophe stand vor allem der Gebäudeeigentümer sowie Behörden im Kontext der Baugenehmigung im Fokus der öffentlichen Kritik. Doch auch die Einsatztaktik der Londoner Feuerwehr sorgte für Nachfragen.

Ein Untersuchungsbericht sollte sowohl die baulichen Faktoren des Großbrandes, aber auch anderen Rahmenbedingungen, wie eben das Vorgehen der Feuerwehr, beleuchten.

Ein Ergebnis ist nun, dass die Opferzahl bei einer früheren Evakuierung des Gebäudes wahrscheinlich geringer wäre. So seien die Einsatzleiter nicht für solche Situation ausgebildet gewesen. Die Rede ist von systemischen Fehlern bei der Einsatztaktik.

So wäre zu Einsatzbeginn die Anweisung an die Bewohner erteilt worden, in ihren Wohnungen zu verbleiben. Obwohl die baulichen Rettungswege noch einige Zeit passierbar gewesen wären erfolgte die Evakuierung des Gebäudes dann zu spät.

Auch die Einsatzleitstelle hätte aufgrund einer personellen Unterbesetzung in dieser Nacht nicht zu einer Rettung von Menschenleben beitragen können. Viele Bewohner hatten sich über Notruf an die Einsatzkräfte wenden wollen.

In den sozialen Medien sorgte die Veröffentlichung der Ergebnisse für Kritik:

Was ist daraus zu lernen?

Die Untersuchung eines solchen Ereignisses ist zunächst einmal erforderlich und legitim. Auch das Hinterfragen der Einsatztaktik der Rettungskräfte ist richtig. Nichts anderes sollte auch in (internen) Einsatznachbesprechungen der Einsatzkräfte stattfinden.

Und dennoch ist es verständlich, dass die Kritik an den Ergebnissen nun laut ist. Und auch Unsicherheiten bei Einsatzkräften sind nachvollziehbar.

Die Ergebnisse des Untersuchungsberichts lassen sich in Themen der Einsatztaktik und -vorbereitung sowie der Personalvorhaltung unterteilen.

Vor allem für die Einsatztaktik muss nun gelten, die neuen Erkenntnisse nicht als Schuldzuweisung zu definieren, sondern als Basis für zukünftige Einsatzplanungen und eine angemessene Ausbildung.

Folgende allgemeine Ansätze haben wir dazu formuliert:

  1. Rechne auch mit dem Unerwarteten (wie in London die schnelle Brandausbreitung und die resultierende Dimension des Brandes)
  2. das Informations- und Kapazitätsdefizit in der Erstphase eines Einsatzes kann in der Nachbetrachtung anders bewertet werden
  3. das Optimum eines Einsatzerfolges kann, je nach Perspektive und Wissen, unterschiedlich definiert werden
  4. Anspruch der Feuerwehr ist und muss weiterhin sein, immer das bestmögliche Ergebnis für jede Situation anzustreben
  5. dieses bestmögliche Ergebnis kann sich im Laufe eines Einsatzes verändern
  6. die Erwartungen an den Vorbeugenden Brandschutz müssen nicht erfüllt werden (in Kombination mit „rechne mit dem Unerwarteten“)
  7. Aus- und Fortbildung darf nicht nur die Standardereignisse behandeln, vor allem Führungskräfte sollten regelmäßig auch besondere Szenarien üben
  8. die Ansprüche an die Einsatzkräfte sind hoch (sowohl die der Justiz als auch die der Öffentlichkeit), diese Ansprüche werden im Zweifel nicht differenzieren zwischen erwartbar/unerwartbar, Haupt-/Ehrenamt, erfahren/unerfahren oder anderen Faktoren

Quellen: Spiegel, Tagesschau
Titelbild: Bradsky53 auf Twitter

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