CBRN-Gefahren in der Landwirtschaft – von der Feuerwehr unterschätzt?

Es kann als vermeintlich gewöhnlicher Einsatz der technischen Hilfeleistung beginnen. Und auch bei der ersten Erkundung muss noch kein Verdacht geschöpft werden. Doch irgendwann melden sich die ersten Einsatzkräften mit merkwürdigen körperlichen Symptomen, vielleicht schon an der Einsatzstelle, vielleicht aber auch erst nach einigen Stunden zu Hause.

CBRN-Gefahren

Es geht um CBRN-Gefahren in der Landwirtschaft. Das Akronym CBRN umfasst chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren.

In der Landwirtschaft, also zum Beispiel auf Bauernhöfen oder Feldern, aber auch im Straßenverkehr eben zwischen diesen Plätzen, können solche Gefahren häufiger auftreten als mancher ahnt.

Für die Feuerwehr ist dabei eine große Herausforderung, dass Gefahrstoffe häufig nicht so gekennzeichnet sind, wie man das in der Ausbildung gelehrt bekommt.

Zunächst unscheinbarer Feuerwehr-Einsatz

Das aktuellste Beispiel ist ein Einsatz im bayerischen Ergoldsbach (Landkreis Landshut).
Dort war ein Traktor mit angehängter Pflanzenschutzspritze unterwegs, als während der Fahrt ein Rad am Anhänger abbrach. Die Spritze stürzte um.

Ein Großteil des Inhalts lief aus. Gefüllt war die Spritze mit rund 4000 Liter Wasser, das mit etwa 40 Litern Pflanzenschutzmittel, einem Fungizid, versetzt war.

Den Presseberichten nach entwickelte sich zunächst ein unscheinbarer Einsatz der Feuerwehr. Die Ausbreitung des ausgetretenen Gemischs wurde eingegrenzt. Unter anderem wurde an angrenzender Bach aufgestaut und Wasser abgepumpt.

Das Wochenblatt berichtet, dass noch während des laufenden Einsatzes durch die Feuerwehr Bilder veröffentlicht wurden. Dies führt nun zu einigen Diskussionen. Angeblich trugen die gezeigten Einsatzkräfte keinen Atemschutz, einzelne auch keine Handschuhe. Ohne die Fotos gesehen zu haben ist eine Bewertung nicht möglich, und selbstverständlich müssen auch an solchen Einsatzstellen nicht alle Kräfte zwingend und immer Atemschutz oder Chemikalienschutzhandschuhe tragen.

Im Einsatzverlauf klagten sieben Feuerwehrkärfte und ein Polizist über juckende Augen und Atembeschwerden. Die Vermutung liegt nahe, dass Dämpfe des Fungizids ursächlich sind. 

Insgesamt mussten anschließend 30 Feuerwehrkräfte und zwei Polizisten durch Spezialkräfte dekontaminiert werden.

Alle verletzten Einsatzkräfte konnten zwischenzeitlich die Krankenhäuser wieder verlassen.

Schlussendlich scheint der Unfall und der Einsatz glimpflich ausgegangen zu sein. Nun kann man hoffen, dass daraus Erkenntnisse gezogen werden können.

Es gibt viele Gefahrenquellen

Neben Pflanzenschutzmitteln gibt es im Kontext der Landwirtschaft weitere relevante Gefahrenpotenziale.

Kuhstall mit Güllegrube
Kuhstall mit Güllegrube, Bild von Petra Roth auf Pixabay

Die Güllegrube ist dabei noch ein weit verbreites Beispiel, zumindest bei Feuerwehren mit landwirtschaftlichen Einrichtungen im Einsatzgebiet.
Gülle kann zur relevanten Freisetzung von gleich mehreren gasförmigen Gefahrstoffen führen:

  • Schwefelwasserstoff (H2S)
  • Kohlendioxid (CO2)
  • Methan (CH4)
  • Ammoniak (NH3)

Durch die unterschiedlichen Eigenschaften dieser Gase ist vor allem in geschlossenen Räumen eine Situationseinschätzung häufig nur mit Messgeräten oder Messhilfsmitteln wie Prüfröhrchen möglich.

Doch nicht nur die Gase als Atemgifte sind bei der Gülle zu nennen.
Als Beispielszenario sei ein umgestürzter Gülleanhänger genannt. Unter freiem Himmel, bei guter Luftverwirbelung, können die Atemgifte eventuell vernachlässigbar sein. Schließlich soll die Gülle eigentlich ja auch auf dem Feld aufgetragen werden. Wie sieht es aber mit einer biologischen Gefährdung aus?
Tatsächlich sind Einsatzfotos mit entsprechenden Suchbegriffen schnell gefunden, wo Einsatzkräfte ohne angemessene Schutzkleidung mit Tierfäkalien kontaminiert sind.

Vor allem im landwirtschaftlichen Umfeld wird das Gefahrenpotenzial schnell als gering bezeichnet. Jedoch sollten mindestens erweiterte Hygienemaßnahmen der Standard sein. Und vor allem sollte eine Kontaminationsverschleppung ausgeschlossen sein.

Düngemittel und Pflanzenschutz

Das erwähnte Beispiel mit dem Pflanzenschutzmittel zeigt bereits das Potenzial der häufig verwendeten Stoffe. Als Einsatzkraft muss man auch damit rechnen, dass der Gefahrstoff, der eben beim Straßentransport noch kennzeichnungspflichtig war, auf dem Feld nicht direkt erkennbar ist.

Die Düngemittel sind in dem Kontext schon eher im Fokus der Feuerwehr, wahrscheinlich gehört die Entstehung von nitrose Gasen bei stickstoffhaltigen Düngemitteln zu einem verbreiteten Beispiel in der Grundausbildung.

Und genau diese Ausbildung ist für Feuerwehren, die landwirtschaftliche Betriebe im Zuständigkeitsbereich haben, natürlich ein Schlüssel zur Verhinderung unliebsamer Presseschlagzeilen nach einem Einsatz. Werden die theoretisch möglichen Gefahren regelmäßig thematisiert werden sie in der Praxis auch zuverlässiger erkannt. Und eine erkannte Gefahr lässt sich mit Schutzkleidung oder anderen Maßnahmen entschärfen.

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